Bundesparteitag als Zäsur: FDP sucht neuen Kurs nach Dürr-Ära

27.03.2026


Die FDP steuert nach einer Serie herber Wahlniederlagen auf einen offenen Machtkampf an der Parteispitze zu. Der nordrhein-westfälische Landes- und Fraktionsvorsitzende Henning Höne bewirbt sich um den Bundesvorsitz und fordert damit Amtsinhaber Christian Dürr heraus. Auf dem Bundesparteitag Ende Mai dürfte es zu einer Kampfkandidatur kommen. Höne verknüpft seine Bewerbung mit dem Versprechen eines „Neuanfangs“ und fordert einen personellen wie strategischen Neustart der Liberalen.

Hintergrund ist der angekündigte kollektive Rücktritt des bisherigen Bundesvorstands nach den desaströsen Ergebnissen bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz, wo die FDP zuletzt nur 2,1 Prozent der Stimmen holte. Höne, der bereits seit dem Parteitag nach der verlorenen Bundestagswahl 2025 dem Bundesvorstand angehört, kritisiert, man habe eine „strategische Neuaufstellung“ zu lange hinausgezögert. Gegenüber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ machte er deutlich, dass dieser Neustart aus seiner Sicht ohne Dürr an der Spitze erfolgen müsse: Auf die Frage, ob der bisherige Parteichef noch einem künftigen Bundesvorstand angehören solle, antwortete er mit einem klaren Nein.

Dürr wiederum signalisiert, dass er seinen Kurs fortsetzen will und erneut für den Vorsitz kandidiert. Im Gespräch mit dem „Spiegel“ beschrieb er sein Angebot als eine FDP „als optimistische Reformkraft mit klar marktwirtschaftlichem Kurs“. Erfolgreich sei die Partei immer dann gewesen, wenn sie „die relevanten Fragen der Zeit mit klassisch liberalen Antworten“ in den Mittelpunkt gestellt habe. Heute seien dies vor allem die wirtschaftlichen Sorgen von Millionen Menschen. Der bisherige Bundesvorstand mit Dürr an der Spitze hatte Anfang der Woche beschlossen, geschlossen zurückzutreten und sich zum Teil auf dem Parteitag erneut zur Wahl zu stellen.

Aus dem Rennen ist dagegen Marie-Agnes Strack-Zimmermann. Die Europa-Abgeordnete hatte ihren Hut nur für den Fall einer Doppelspitze in den Ring geworfen, die eine Satzungsänderung mit Zweidrittelmehrheit erfordern würde. Eine solche Mehrheit sei derzeit nicht absehbar, sagte sie dem „Spiegel“ und zog ihre Ambitionen zurück. Stattdessen stellt sie sich hinter Höne: Seine Kandidatur habe ihre „volle Unterstützung“, erklärte die 68-Jährige. Höne lehnt wie Dürr ein Führungsduo ab und betont, sein Angebot sei eines, „das ich allein mache“. Der Landesverband Nordrhein-Westfalen, der bereits mit Forderungen nach einer „Neuaufstellung“ aufgetreten ist, unterstreicht damit seinen Anspruch auf mehr Einfluss in der geschwächten Bundespartei.

Other news

Mehr Sicherheit am Arbeitsplatz, offene Flanken bei globalen Schocks

27.03.2026


Die Zahl der Arbeitsunfälle in Deutschland sinkt weiter, doch das Sicherheitsgefühl vieler Beschäftigter in Krisenszenarien bleibt verhalten. Nach vorläufigen Zahlen der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) gab es 2025 rund 730.598 meldepflichtige Arbeitsunfälle – etwa 24.000 weniger als im Jahr zuvor. Vor drei Jahrzehnten lag die Zahl noch bei über 1,6 Millionen, vor zehn Jahren bei knapp 870.000. Auch die Zahl der Todesfälle infolge eines Arbeitsunfalls ging zurück: 335 Menschen kamen 2025 ums Leben, zehn weniger als im Vorjahr. Insgesamt sind rund 68 Millionen Menschen in Deutschland gegen Arbeits- und Wegeunfälle, Schulunfälle sowie Berufskrankheiten versichert.

Die DGUV führt die positive Entwicklung vor allem auf verstärkte Prävention zurück: Brandschutzübungen, Erste-Hilfe-Schulungen sowie Notfall- und Krisenpläne sind in vielen Betrieben etabliert. Das DGUV-Barometer „Arbeitswelt 2026“, eine repräsentative Befragung von Erwerbstätigen, zeigt gleichzeitig eine breite inhaltliche Unterstützung für diesen Kurs. 90 Prozent der Befragten stimmen der Aussage zu, dass Prävention Unternehmen stärkt und die Krisenfestigkeit des Wirtschaftsstandorts Deutschland erhöht. Besonders hoch ist die Zustimmung zu konkreten Maßnahmen wie der Benennung und Qualifizierung von Ersthelfenden, Brandschutzhelfenden und Sicherheitsbeauftragten.

Gleichzeitig offenbaren die Umfragen spürbare Lücken in der Wahrnehmung der Krisenvorsorge. Laut einer Forsa-Erhebung im Auftrag der DGUV sieht nur rund ein Drittel der Beschäftigten und Führungskräfte ihr Unternehmen bei Störungen der Lieferketten, Gewaltereignissen oder Stromausfällen gut gewappnet. Im DGUV-Barometer geben die Befragten an, ihre Arbeitgeber seien vergleichsweise gut vorbereitet auf Pandemien, Brände und Cyberangriffe. Deutlich seltener gilt dies jedoch für Naturkatastrophen, länger andauernde Stromausfälle oder komplexe Störungen globaler Lieferketten.

Die Unfallversicherung rückt deshalb verstärkt die Krisenresilienz der Betriebe in den Fokus. „Die Welt verändert sich“, sagt DGUV-Hauptgeschäftsführer Stephan Fasshauer. Neben klassischen Gefahren wie Bränden oder unzureichenden Fluchtwegen gehe es zunehmend um die Folgen digitaler Angriffe, externer Schocks und unterbrochener Lieferketten. Vor dem Hintergrund geopolitischer Spannungen und volatiler Energiepreise wächst aus Sicht der DGUV der Handlungsdruck, Verwundbarkeiten zu erkennen und systematisch abzubauen. Während die klassischen Arbeitsschutzkennzahlen weiter rückläufig sind, bleibt die Frage, wie widerstandsfähig Unternehmen in Deutschland gegenüber zukünftigen Krisen tatsächlich aufgestellt sind.